Verkehrte Schwarz-gelbe Welt
LKW-Fahrer im Clinch mit Borussia Dortmund
Fußballfans sind eine spezielle Sorte Menschen. Die Fans von Borussia Dortmund stehen in dem Ruf, in der Leidenschaft für "ihren" Verein ganz besonders aufzugehen. Wenn nun ein solcher Borussen-Fan - feuert er gerade mal nicht in irgendeinem Stadion den BVB an - am Steuer eines LKW sitzt, wird er sich mit schwarz-gelben Fanartikeln die "Hütte" verschönern. So weit so gut. Das hat Richard Kuck, Kieskutscher in Kamen, auch getan. Aber er ging noch weiter: Der gesamte LKW, Zugmaschine wie Auflieger, bekamen den Schriftzug "Borussia Dortmund" verpaßt, nicht ohne vorher in den Vereinsfarben lackiert worden zu sein.


Ein halbes Jahr lang hatte Kuck seinen Chef Rudi Stegemöller weich geknetet, bis der endlich Ja sagte zur Lackierung. Und als das Prachtstück endlich fertig war - da dauerte es nicht lange, und der Ärger ging los. Nein, nicht mit baggerfahrenden Schalke-Fans, sondern mit den Funktionären des Dortmunder Vereins. Die Geschichte beginnt auf einer Betriebsfeier. Als die Stimmung immer besser wird, kommt das Gespräch auf König Fußball. Einige Fahrer sind eingefleischte Borussen-Fans, auch Richard Kuck und sein Kollege Jörg Altmann. Rudi Stegemöller, Chef der Spedition, verspricht aus einer Bierlaune heraus, mal einen Auflieger in schwarz-gelb machen zu lassen. "Das Versprechen kriegte ich dann bei jeder Gelegenheit aufs Butterbrot geschmiert", erzählt Stegemöller. Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Fahrer ist gut, Richard Kuck fährt mittlerweile im siebten Jahr für ihn. Irgendwann kam er dann auf den Hof, der neue Auflieger. Halb schwarz, halb gelb, die Farben getrennt durch eine diagonale Linie. "Tja, aber wir fahren rote Zugmaschinen", sagt Rudi Stegemöller. "Das sah dann aus, als ob wir wollten und nicht könnten." Aber sie konnten, und Stegemöller änderte kurzerhand den Farbwunsch von Rot auf Schwarz für einen bereits bestellten Truck, einen MAN 19402. Doch trotz der richtigen Farben: "Das Auto sah irgendwie eigenartig aus, so nackt", erzählt Rudi Stegemöller. Chef und auch Fahrer griffen nochmal in die Tasche und ließen den neuen LKW samt Auflieger stilecht mit BVB-Schriftzug beschriften. "Als Vorlage haben wir einfach das Fan-Magazin genommen. Da sind genug Bilder von dem Vereins-Bus drin." Das war ein Fehler, wie der Spediteur heute weiß.

Doch zunächst war die ganze Firma und am meisten natürlich Richard Kuck mächtig stolz auf den Borussen-Truck. Kuck und sein Kollege waren ans Ersparte gegangen. Das hätte locker für ein tolles Airbrush-Bild gereicht. Warum ausgerechnet für Borussia-Lackierung? "Der Fußball und der Verein, das ist eben mein Hobby", meint Richard Kuck. Und so ein BVB-LKW, das sei eben nun mal etwas ganz Besonderes.
Auch auf den Baustellen gab es ein großes Hallo. Der schmucke Truck muß nämlich arbeiten. Wie seine 14 "Kollegen" - hauptsächlich Scania und MAN - karrt er Sand oder andere Schütt-Baustoffe auf Großbaustellen im Ruhrgebiet u nd Münsterland. Zusammen täglich zwischen 1.000 und 5.000 Tonnen. In Rhynern an der Westtangente haben die Stegemöllerschen LKW angeliefert oder in Unna am Lärmschutzwall an der Autobahn.


Die Firma Stegemöller - Baustoffe und Transporte - gründete Rudi Stegemöller 1981. Der heute 45jährige hat eigentlich mit dem täglichen Existenzkampf genug zu tun - nichts ahnend, daß der Borussen-Truck zu einem Bumerang werden würde, der ihm mehr Ärger als Werbung bringen würde - letzteres war übrigens gar nicht beabsichtigt. "Wir wollten einfach nur dokumentieren, daß der BVB unser Verein ist und wir zu ihm stehen", erklärt Rudi Stegemöller.
Leider stand der BVB nicht zu der "unbestellten" Werbung. Ende des vergangenen Jahres - der LKW war bereits zehn Monate zugelassen - brachte der Briefträger ein Einschreiben. "Ich dachte, Mensch toll, das ist bestimmt eine Jahreskarte fürs Westfalenstadion", so Stegemöller. Denkste. "... teile ich Ihnen mit, daß der von Ihnen für Ihren LKW in Auftrag gegebene und auch am Fahrzeug plazierte Schriftzug des Vereins sowie das Logo bis zum 12. Januar 1996 zu entfernen sind", heißt es in dem Schreiben. "Wir weisen darauf hin, daß die Marke "Borussia Dortmund" urheberrechtlich geschützt ist und eine Mißachtung - auch wenn es nicht werblichen Zwecken dienen sollte - strafrechtliche Schritte nach sich ziehen wird." Freundlich grüßt Fritz Lünschermann, "Vorstandsassistent für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit". "Der Witz bei der Sache ist", erzählt Richard Kuck, "daß die Herren schon lange wußten, daß wir diesen LKW haben. Wir haben sogar ab und zu Eintrittskarten fürs Spiel bekommen dafür." Doch jetzt plötzlich war es aus mit der Freundlichkeit. Stegemöllers Anwalt warnte vor der Allmacht des Vereinsgiganten: "Das kann eine teure Sache werden." Rudi Stegemöller versuchte, nachträglich die Genehmigung zu bekommen. "Wir hätten bis 10.000 Mark gezahlt dafür." Umsonst. Die Summe, die Borussia fordern würde, wäre für die Spedition nicht tragbar, bekam Stegemöller zu hören. Der MAN würde wohl längst wieder ohne Schriftzug, sozusagen nackig in schwarz-gelb, seinen Sand fahren, wenn Richard Kuck die Selbstherrlichkeit der maßgeblichen Herren "seines" Vereins nicht so sauer aufgestoßen wäre. Der Berufskraftfahrer griff zum Telefon und mobilisierte die regionalen Fernsehstationen. Der WDR, SAT.1, RTL - der Reihe nach "liefen die hier auf", erzählt er. "Ich dachte, wir wären im Filmstudio", schmunzelt Rudi Stegemöller. Heute kann er über die ganze Sache wieder lachen, damals war er verdammt sauer. Sein Telefon stand nicht still, jeder wollte wissen, was denn nun passiert. Keiner wollte glauben, daß der BVB sich Werbung für den Verein teuer bezahlen läßt, statt dafür zu blechen.

Mit einem Fernsehsender gab es sogar ein Treffen vor dem Westfalenstadion. Dabei auch Briefschreiber Fritz Lünschermann und Michael Meier vom BVB. Auch einige Spieler waren dazugekommen, samt Trainer Ottmar Hitzfeld. Glücklicher Nebeneffekt für Richard Kuck: Er konnte mit Spielern wie Karl-Heinz Riedle und Matthias Sammer "mal ein bißchen quaddern". (Für Regional-Fremde: "Quaddern" = Quatschen, Klönen, Plaudern.) Als Kuck Sammer um ein Autogramm bat, wandte der sich an den Vereins-Vertreter und fragte mit hörbarem Unterton: "Werde ich gerichtlich belangt, wenn ich da unterschreibe?"


Richard Kuck freut sich heute noch über diese offenkundige Sympathie der Fußballspieler. Dank des Medienrummels gaben die Herren vom Management nach - natürlich nicht offiziell. Sie räumten ein, daß "Borussia Dortmund" in einem anderen Schriftzug nicht gegen das Urheberrecht verstößt. Rudi Stegemöller ließ die Schrift ändern. "Ob das jetzt in Druck- oder Schreibschrift draufsteht, ist doch gehopst wie gesprungen", schüttelt er den Kopf.

So, wie er heute auf dem Hof im Kamener Gewerbegebiet "Im Hemsack" steht, hat ihn die Lackierung des Borussen-Trucks 23.000 Mark gekostet. Hat der LKW der Spedition denn wenigstens gute Werbung gebracht? "Deswegen hat noch keiner eine Fuhre Sand mehr bestellt", sagt Stegemöller. "Schön wär's."

Und mit der Jahreskarte ist's natürlich Essig. Richard Kuck wurde kurzerhand von der Warteliste gestrichen. "Ich bekomme mein' Lebtag keine Jahreskarte mehr", weiß er. "Und die regulären Karten kann ich mir auf dem Schwarzmarkt kaufen. In der Geschäftsstelle bekomme ich jedenfalls keine."

Nach dieser Erfahrung sollte man meinen, Richard Kuck hätte dem schwarz-gelben Verein abgeschworen. "Schreib doch Schalke drauf", haben ihm die Kollegen geraten. Der Gelsenkirchener Verein hat sogar angefragt bei Stegemöller, ob er den MAN nicht umlackieren wolle. "Die hätten sogar die Werbung bezahlt", berichtet er.

Doch Stegemöller und Kuck halten zu ihrem Verein. "An den Spielern liegt's ja nicht", sagt der 43jährige Fahrer. Und steigt in seine "Hütte". Da, wo ein BVB 09-Wimpel hängt und der Borussen-Teddy auf dem schwarz-gelben Kissen sitzt.

Noch ein kleiner Nachtrag: Demnächst kommt ein Modell des Borussen-Trucks aus Kamen auf den Markt. Aber mit dem neuen abgeänderten Schriftzug. Soll ja schließlich originalgetreu sein. Das, was Borussia Dortmund fordern würde, damit die Firma das Original-Emblem aufs Modell drucken dürfte, wäre ja nicht zu bezahlen.

Ursula Wilms - Fernfahrerblick Nr. 5/6 Juni 1996